Interview mit Gesaffelstein

Published at Interview Magazine Germany on 5th December 2013

Gesaffelstein – eine Kombination aus Gesamtkunstwerk und Einstein. Klingt vielleicht leicht anmaßend, wie selbst Mike Levy heute findet, beschreibt das Besondere seiner Musik aber treffend. Der 28-Jährige kreiert Dark Techno fern vom Mainstream, seit er vor zehn Jahren von Lyon nach Paris zog. Seine Wurzeln liegen im New Wave und Industrial der 80er. Im November erschien nun sein erstes Album „Aleph“, das neben harten Songs für den Dancefloor auch ruhige Melodien zu bieten hat.

Wir haben den DJ und Produzenten in Berlin getroffen und mit ihm über die Zusammenarbeit mit Kanye West, die Farbe Schwarz und warum er immer Anzüge trägt, geredet.

 

Du bist schon eher der düstere Typ, oder?

Nein, ich suche nicht nach düsteren Dingen. Aber als ich mit Musik angefangen habe, wurde sie unbewusst dunkel. Ich weiß nicht warum.

 

Du weißt nicht warum?

Ich weiß es echt nicht. Und ich versuche nicht, das zu verstehen. Ich denke, dass ich ein glückliches Leben habe. Für mich sind dunkle Themen deswegen interessanter. Es ist mehr wie ein Spiel – ein bisschen ironisch.

 

Du warst schon öfter in Berlin oder?

Ja, viele Male.

Ich wusste nur, dass du schon mal im Berghain gespielt hast.

Ja, einmal. Das war letztes Jahr.

Und hat es dir dort gefallen?

Es war okay.

Aha, ok?! Weil es als bester Club der Welt gilt.

Da bin ich nicht sicher. Es ist schon ein guter Club. Aber es ist mir zu dunkel dort.

Dir ist es zu dunkel?

Ja, ich mag keine dunklen Clubs. Für mich ist es da echt sehr, sehr dunkel. Ich mag die Atmosphäre nicht. Es ist zu industriel. Ich liebe Industrial Music aber keine industriellen Clubs. Es ist einfach kalt.

Magst du lieber kleinere Clubs?

Ich mag Clubs, wo man sich hinsetzen kann und Tische hat und Leute kennenlernt.

Hast du einen Lieblingsclub?

Den Social Club in Paris auf jeden Fall, sie sind meine Familie, alles hat da angefangen. Außerdem mag ich diesen kleinen Club in New York, Le Bain. Und das Gretchen, wo ich heute spiele. Im Razzmatazz in Barcelona war es auch sehr gut. Der Club ist eine Institution in der Techno Welt. Ich liebe es, in Barcelona zu spielen.

 

Was für Musik hörst du zu Hause?

Ich höre nicht viel Musik. Ich brauche keine Musik, um zu chillen oder Sport zu machen.

Du machst echt Sport ohne Musik?

Ja, ohne.

Im Fitnessstudio oder gehst du Joggen?

Joggen. Ich habe sehr viel Musik gehört, als ich jung war, um herauszufinden, was ich mag. Heute verbringe ich so viel Zeit im Studio, dass ich lieber Stille habe, wenn ich nach Hause komme.

 

Ich habe gelesen, dass dein Studio in Paris schwarz gestrichen ist.

Ja, es ist schwarz. Aber... (lacht)

Aber ich bin überhaupt kein dunkler Typ (lacht).

(lacht) Nein, nein. Es ist nur schwarz, weil... Ich weiß auch nicht. Weil es darin aussieht wie die Nacht. Ich weiß, viele finden es mysteriös, dass alles um mich herum schwarz ist. Aber ehrlich gesagt ist mir das total egal. Ich habe Schwarz nicht aus einem bestimmten Grund gewählt. Es ist einfach ganz natürlich so für mich.

 

Du hast mit Kanye West an seinem neuen Album „Yeezus“ gearbeitet. Wie kam es dazu? Bist du ein Fan?

Heute kann ich sagen, dass ich ein Fan bin, weil ich seine Arbeit jetzt kenne. Aber als ich angefangen habe, mit ihm zusammenzuarbeiten, war ich nicht so an seiner Musik und an Hip-Hop allgemein interessiert. Als er mich dann angerufen hat, war ich echt überrascht, weil meine und seine Musik ziemlich weit von einander entfernt sind. Er ist ein großer Fan von meinem Track „Viol“. Ich habe ihn in seinem Studio in Paris getroffen, zusammen mit Brodinski (DJ, Produzent und Co-Founder von Bromance Records). Wir haben uns Demos von seinem Album angehört und dann war alles ganz einfach. Er hat uns gefragt, ob wir zwei Tracks zusammen machen. Wir haben sofort ja gesagt, weil der Prozess für uns sehr interessant war. Kanye fordert sich mit seiner Musik selbst heraus, es ist ja kein reines Hip-Hop Album. Er meinte bloß: „Macht was ihr wollt!“

 

Du bist bekannt als der DJ, der immer Anzüge trägt. War das schon immer so?

Ja, meisten. Aber ich trage nicht jeden Tag Anzüge.

Privat trägst du etwas anderes?

Guillaume (Tourmanager): Das stimmt nicht. Du bist jetzt auch schon wieder so angezogen.

Ich versuche es (lacht). Ich habe noch nie darüber nachgedacht. Ich weiß, dass das für die ganze elektronische Musikwelt komisch ist. Aber ich versteh das nicht. In der Popmusik kannst du machen was du willst. Lady Gaga kleidet sich in Fleisch und keinen interessiert’s. Aber wenn du in der Electroszene einen Anzug trägst, sind alle gleich so: “Oh mein Gott, er hat einen Anzug an!“ Mir ist das egal. Das bin einfach ich. Ich versuche nicht ein seriöser Typ zu sein oder so.

Also trägst du privat auch Anzüge?

Ja, ich denke schon. Oder Guillaume?

Guillaume (Tourmanager): Also zu mindestens immer eine Jeans, ein Hemd und Lederschuhe.

Ich glaube, das ist aber auch so, weil ich nicht der Beste in Modesachen bin. Es ist einfacher, sich jeden Tag gleich anzuziehen.

So kannst du nichts falsch machen.

Ja, genau. Ich habe viel Respekt vor Typen mit verrücktem Kleidungsstil, weil man dazu ständig im Internet nach neuen Ideen suchen muss. Aber für mich ist das etwas langweilig.

Liest du Modemagazine?

(lacht) Nein.

Liest du Bücher?

Ja, manchmal.

Hast du ein Lieblingsbuch?

Mhm: „Der kleine Prinz“.

 

Du gibst nicht viele Interviews oder?

Nein, ich mag keine Interviews.

Weil du nicht gern über dich selbst redest?

Weil ich überhaupt nicht gern rede. Musik ist meine Sprache. Es ist einfacher mich, und wenn ich „mich“ sage, meine ich Gesaffelstein, zu verstehen, wenn man sich mein Album anhört.

Redest du mit deinen Freunden über deine Musik?

Nicht wirklich. Mit Brodinski rede ich zum Beispiel auch nicht jeden Tag über Musik. Wir reden über viele Dinge – Ferien, Restaurants, normale Sachen.

Wie lange arbeitest du schon mit ihm zusammen?

Vier Jahre.

Wie kam es dazu?

Er war ein Fan.

Ah, echt? Weil er ja Hip-Hop macht.

Ja. Er hat mir eine Mail geschrieben und mich zu seiner Party in Paris eingeladen. Und ich habe zugesagt und ihn dann in einem Club zum ersten mal kennengelernt.

Habt ihr da schon über gemeinsame Projekte geredet?

Nein. Wir wurden sehr schnell Freunde, weil wir uns überhaupt nicht über Musik unterhalten haben. Er meinte nur: „Ich mag deine Musik!“ und dann haben wir einfach Blödsinn gemacht und Spaß gehabt. Es ist also mehr eine Freundschaft – eine Bromance (lacht).

Also plant ihr noch weitere Projekte zusammen?

Vielleicht ja. Ich arbeite unglaublich gern mit ihm zusammen. Aber er macht grad sein Album, deswegen lasse ich ihm da erstmal ein bisschen Zeit. Ich bin sicher, dass wir in der Zukunft wieder zusammenarbeiten. Aber ich weiß echt gar nichts über die Zukunft. Und auch wenn ich etwas wüsste, würde ich es für mich behalten... (lacht) Ich mag es, die Leute zu überraschen.