Faszination Wiesn und die Sache mit der Maßlosigkeit

 

Warum es schon immer nötig war, über die Stränge zu schlagen

 

Dieses Jahr kamen 6,4 Millionen Menschen zum Oktoberfest, angereist aus aller Welt – Australien, Japan, USA, Schweiz und besonders Italien. Nicht zu vergessen, aus allen Ecken Deutschlands. Mit einem Ziel: maßloser Spaß. Dazu gehört für viele vor allem maßloses Trinken und hemmungsloses Essen, gefolgt von Tanzen und Singen auf Bänken und Tischen. Auch auf der 179. Wiesn wurde nach dem Motto „Was auf der Wiesn passiert, bleibt auch auf der Wiesn“ wieder zwei Wochen lang durchgefeiert. Denn was im vernünftigen Alltag verachtet, wird hier feierlich zelebriert. Seit jeher ist dieses Verlangen nach Mehr Bestandteil des öffentlichen Lebens. Was auf den ersten Blick barbarisch wirken mag, ist in Wirklichkeit pure Vernunft. Denn damals wie heute dient die Maßlosigkeit nicht ohne Grund als Überlebenselixier.

Auf die Frage, warum sie zum Oktoberfest kommen, ist die Antwort immer die gleiche: „Wegen der Stimmung!“. Beim erstmaligen Betreten der Theresienwiese ist das jedoch nicht wirklich nachvollziehbar. Es scheint als wäre am letzten Freitag um 16.00 Uhr das Fest für die meisten bereits gelaufen. Torkelnde Männer in Lederhosen versuchen den angrenzenden Grashügel, auch „Kotzwiese“ genannt, zu erklimmen. Dabei geben sie selbst nach dem dritten Sturz nicht auf, was sowohl von Touristen als auch Münchnern amüsiert gefilmt wird. Weniger Ausdauernde liegen hier längst im tiefen Schlaf. Mädchen sitzen mit leerem Blick in fleckigem Dirndl und biergetränkten Ballerinas auf den Stufen zur Bavaria. An den Holzabsperrungen der Zelte liegen erbrochene Haufen von Brezeln und Hähnchen auf dem Boden. Vor dem Schützenzelt stehen jetzt ungefähr zwanzig Leute, die darauf warten zumindest in den vorderen Biergarten gelassen zu werden. Doch selbst der bleibt wegen Überfüllung geschlossen. Drinnen sitzen die Besucher wie auf Hühnerstangen zusammengepfercht und lassen sich fröhlich den Schweinebraten mit Riesenkloß, das halbe Hendl mit Breze und die Maß Bier schmecken. Insgesamt haben sie dieses mal eine halbe Millionen Hühner, 116 Ochsen und 57 Kälber verspeist. Kein Wunder, dass Tierschützer protestieren. Vegetarische Gerichte sind Mangelware. Wer Glück hat findet ein paar Rahmschwammerl, Radi Salat oder Reiberdatschi. Auch dieses Jahr treffen sich deswegen rund 300 Tierfreunde in der Münchener Innenstadt, um mit dem Slogan „Wiesn Meat Out“ auf den enormen Fleischkonsum und die damit verbundene Massentierhaltung aufmerksam zu machen. Der Erfolg ist eher mäßig. Immerhin hat der Besucher mittlerweile die Wahl sich für ein glückliches Hendl von einem der 20 Bio-Fleischanbieter zu entscheiden. Dieses kostet dann jedoch auch 17 statt zehn Euro. Doch die übertriebenen Preise stören die Wiesn-Fans kaum. Willig zahlen sie 18 Euro für einen Jägermeister im Käferzelt. Die 80 Euro Mindestverzehrwert sind so schnell erreicht. Viel zu groß ist das Verlangen nach dem Rausch, als das aufs Geld geachtet wird. Vielleicht liegt aber auch gerade daran der Reiz. Für den ohnehin sehr statusbewussten Münchner gibt es kaum eine bessere Gelegenheit, um sein Geld demonstrativ aus dem Fenster zu werfen. Und auch wenn hier neben den 6,9 Millionen Maß Starkbier gern die ein oder andere Flasche Dom Perignon geordert wird, bleiben die Feste zur Wiesn doch harmlos im Gegensatz zu den Gelagen des Hochmittelalters oder zu Zeiten des alten Roms vor 2000 Jahren.

Denn seit es sich der Mensch leisten kann, hat er das Bedürfnis mit seinem Essen zu prassen. Die enorme Menge und Vielfältigkeit an Speisen der Festessen hatte schon damals mindestens genauso viel mit der Lust am Essen zu tun, wie mit der Lust des Gastgebers seinen Reichtum zu zeigen. Und weil dafür die bis zu 30 verschiedenen Speisen noch nicht ausreichten, gab es zwischen den Gängen zusätzlich aufwändige „Schaugerichte“ aus nicht essbaren Zutaten. Auch ein Gang feines Porzellangeschirr  war keine Seltenheit.

Die Völlerei bei diesen Festtagen gipfelte schließlich bei den alten Römern im absichtlichen Erbrechen, wonach munter weiter gegessen werden konnte. Der Reiz und die scheinbar unstillbare Gier nach Essen kam aber auch daher, dass die Menschen, im Gegensatz zu heute, zum einen in ständiger Gefahr lebten und zum anderen wussten, was es heißt zu hungern. Kriege und schlechte Ernten waren allgegenwärtig. Clever also, das Leben besser heute als morgen in vollen Zügen auszukosten. So gibt uns der Biss in die Hähnchenkeule auch heute noch das Gefühl lebendig zu sein, selbst wenn das nur bei unserem archaischen Unbewussten ankommt. Denn Essen bleibt lebensnotwendig. Entsprechend groß ist die Suchtgefahr.

Neben diesem stillt die Wiesn besonders auch das Grundbedürfnis nach heimisch Vertrautem. Während Schlager, Dirndl und Lederhosen im Alltag normalerweise wenig Zuspruch finden, sorgen diese traditionellen Werte auf dem Oktoberfest für ein enormes Zusammengehörigkeitsgefühl. Zu 10.000 sitzen die Madel und Buben im Hofbräu-Festzelt und singen gemeinsam den Wiesn Nummer-eins-Hit „Schatzi, schenk mir ein Foto“. Scham ist hier fehl am Platz.

Die Wiesn ist eine andere Welt, ein Ausnahmezustand, währenddessen sich die Münchner jedoch auch oft ihr Ende herbei sehnen. Denn mal einen Zeltbesuch abzusagen kommt nicht in Frage. Die starke Solidarität an diesen Tagen wird leicht zum Gruppenzwang und verpflichtet so zur gemeinschaftlichen Feierei. Sind die zwei exzessiven Wochen dann aber vorbei, freuen sie sich schon auf das nächste Jahr.

Es ist genau diese Zwiespältigkeit, die das größte Volksfest der Welt so beliebt macht. Seine Maßlosigkeit kann nur deshalb genossen werden, weil sie als Flucht aus unserem disziplinierten Alltag dient. Denn wo läge schon der Reiz, würden wir uns jeden Tag besinnungslos betrinken? Genauso unnötig ist es, sein Leben in tadelloser Mäßigung zu verbringen, die oft fälschlicherweise für Vernunft gehalten wird. Doch wirklich vernünftig ist nur die innere Balance. Am besten eben doch bei allem Maß halten, auch beim Maßhalten.