Interview mit DJ Hell

Er liebt es zu überraschen. Neue Wege zu gehen und in alle Richtungen zu experimentieren ist für DJ Hell die Basis seines Schaffens. Auch vor über 35 Jahren als Helmut Geier (wie er mit bürgerlichem Namen heißt) noch für zwei alkoholfreie Free Drinks in den bayrischen Clubs seiner Heimat spielte, legte er alles auf, was ihm gefiel. Er lässt Punk und Rock in seine Sets mit einfließen, mixt dazu New Wave, EBM, Electro, Hip-Hop, Trance, House und Techno. Schon mit seiner ersten selbstproduzierten Single „My Definition of House“ – die alles andere ist, als das was wir heute im Allgemeinen unter House verstehen – zeigte er 1992, dass er keine Erwartungshaltungen erfüllt. Das zieht Hell bis heute konsequent durch. Und weil man ihn eben nur schwer einordnen kann, erfand er mit seinem eigenen Label „International Deejay Gigolos“ das Subgenre Electroclash. Vertretene Künstler darauf sind unter anderem Miss Kittin, Dopplereffekt, Laurent Garnier und Fischerspooner.

Sein unkonventioneller, eklektischer Stil wird auch in der Mode gefeiert. Für Chanel kreierte Hell ein „roughes Chicago Acid Set“ zur Show in Paris. Später wurde er von Karl Lagerfeld für das V Magazine fotografiert. Andere Designer mit denen er zusammenarbeitete sind Helmut Lang, Donatella Versace oder Raf Simons. Nachdem er zweimal (1993 und 2003) in New York lebte, wo er mit Jeff Mills im „Limelight“ auflegte, pendelt Hell heute zwischen München und Berlin. In seiner „zweiten Heimat“ Wien hat er gerade sein neues Album „Zukunftsmusik“, das im Frühjahr erscheint, zusammen mit Peter Kruder produziert. Wird es uns überraschen? Hell yeah!

Ich traf die deutsche Techno-Ikone in der Berliner Galerie Santa Lucia in Kreuzberg, um mit ihm über Musik in der Zukunft, seine Huldigung der Gay-Kultur (als Hetero-Mann) und warum er seine eigenen Songs nicht auflegt zu sprechen.

 

Es ist jetzt sieben Jahre her, dass dein Album „Teufelswerk“ erschienen ist. Damals hast du es als Kosmische Musik beschrieben. Ist es dein Ziel als Produzent und DJ, dass dein Publikum eine Art Trance oder natürliches High erreicht?

Ja... Ein High ist ja schon vorgegeben durch die Lautstärke und das physische Erleben der Musik und die bunten Blitzlichter. Da bist du ja, wenn du in einen Club kommst – egal welche Musik läuft – durch das körperliche Erleben der lauten Musik schon in einem ganz anderen Zustand, ob das high ist oder low, ist dann dem DJ überlassen. Leute in einen Trancezustand zu bringen, ist natürlich wünschenswert. Ich geh jeden Abend mit diesem Vorsatz zu meinen Auftritten. Deshalb mach ich das jetzt schon über 35 Jahre, deejayen, irgendetwas vermitteln, Emotionen verdichten, und mit meiner Musik eine hypnotische Wirkung erzielen.

 

Du hast auch mit „Logic Trance“ 1992 die erste Trance Compilationrausgebracht.

„Logic Trance“, das wissen viele Leute nicht, war wirklich weltweit die erste Trance Compilation. Die hab ich jetzt wieder angehört und aktuell ein paar Nummern davon in mein momentanes Set eingebaut, weil das wieder zeitgemäß ist. Wie man es auch nennt Kosmische Musik oder Trance Musik. Ein Titel den ich grad neu bearbeite ist von einem italienischen Produzenten, Ramirez, die Nummer heißt „La Musica Tremenda“. Die spiel ich auch morgen Abend [im About Blank in Berlin]. Klar hat diese Trance Compilation auch das neue Album „Zukunftsmusik“ beeinflusst. Die Einflüsse darauf sind aber nicht nur musikalisch sondern kommen auch von meinen ganzen Reisen, von meiner ganzen Erfahrung, davon mit Leuten zu sprechen, wie mit dir, von Erlebnissen die mir passieren. Ich bin auch ein normaler Mensch (lacht), der ins Kino geht und Bücher oder täglich Zeitung liest und klar auch die ganzen Informationen aufnimmt und für sich verarbeitet. Deswegen konnte ich auch immer erst alle fünf Jahre ein Album produzieren. In der Zeit passiert so viel und man muss sich auch die Zeit nehmen das wirklich zu verarbeiten und dann künstlerisch auszuarbeiten. Ein Artist Album war für mich nie ein Tool damit ich mehr Aufträge bekomme. Das ist eine künstlerische Art der Verwirklichung – genau wie ein Buch zu schreiben. Das ist mein fünftes Album glaube ich und ich glaube auch es ist eins der interessantesten und besten Alben, das ich bisher geschaffen habe. Das hatte ich bei „Teufelswerk“ auch schon gesagt, aber jetzt ist es doch nochmal ausgefeilter und besser geworden – alles.

 

Seit wann hast du an dem neuen Album „Zukunftsmusik“ gearbeitet?

Es ist ja so, dass man das Album fertig hat und dann geht die weltweite Promo-Tour los. Das dauert wirklich nochmal zwei drei Jahre bis das dann in allen Ländern promotet wurde und die ganzen Singles ausgekoppelt sind, Remixe gemacht werden. Ich hab jetzt grad auch ein Angebot für ein paar Songs aus dem Album für einen Kinofilm.

 

Okay, cool.

Und das hab ich auch schon zugesagt. Das ist schon das nächste Ding. Der Film spielt in Berlin.

 

Eine deutsche Produktion?

Ja, deutsche Produktion, nennt sich „Jung“. Das ist eine Berliner Mädchengang, die hier in die Clubs geht und Drogen vercheckt, aber auch selber konsumiert. Es geht um Musik, um Sex und um Drogen und eine neue Generation. Und um eine Wahrnehmung was gerade passiert... siewissen natürlich auch nicht, was die Zukunft bringt und leben teilweise bei den Eltern und sind natürlich interessiert an den chemischen Substanzen. Nehmen viel G oder andere Drogen, Alkohol oder kiffen viel.

 

Also eher etwas Betäubendes.

Ja, aber du musst die Tropfen halt richtig dosieren, damit du nicht total betäubt bist. Es wird aus dem Album „Zukunftsmusik“ mindestens vier bis sechs Songs geben, die da als Soundtrack funktionieren. Wir haben das getestet in Verbindung mit den laufenden Bildern und das ist wirklich magisch. Und 2020 sind dann wieder drei Jahre vorbei und bis ich mir dann wieder ein neues Konzept einfallen lasse für das nächste Album, sind dann wieder fünf Jahre weg. Das ist keine lange Zeit. Ich hab natürlich schon Konzepte für ein neues Album. Eigentlich sollte das Album jetzt ja ein reines Techno Album werden. Zurück zu meinen Ursprüngen, Chicago und Detroit. Ich war ja früher ein sehr harter Techno DJ in den 90ern. Und hatte viel im Tresor aufgelegt. Aber auch damals hab ich schon viel anderweitige Musik mit einfließen lassen in meine Sets. Eigentlich auch heute, nach 20 Jahren Gigolo Records, bis zu diesem Album, das auch auf meinem Label erscheint, war immer alles möglich. Es gab nie eine Limitierung musikalisch, oder künstlerisch.

 

Dein Motto ist ja auch „To go where no man has gone before“.

Mehr eine Formel.

 

Das stell ich mir sehr schwierig vor, sich immer neue Sounds auszudenken.

Sehr schwierig. Es ist natürlich schon viel belegt. Aber es sind ja auch grad sieben neue erdähnliche Planeten entdeckt worden. Soll ein bisschen kalt sein, aber es soll auch Wasservorräte geben und vielleicht muss man da mal... es heißt ja „Zukunftsmusik“. Ich hab in die Zukunft geblickt und mir überlegt, wie sich die Musik da anhören könnte.

 

Ah okay.

Hast du das Album noch nicht gehört?

 

Nein, konnte ich leider noch nicht [Das Album erscheint offiziell im Frühjahr 2017].

Ich geb dir eins. [Eine Vorversion des Albums]

 

Cool, sehr gerne. Ich hab nur den veröffentlichten Song „I Want U“ gehört.

„I Want U“ ist ehrlich gesagt wirklich ganz untypisch für das Album, weil es der einzige Track ist, der wirklich Club-DJ-artig funktioniert. Mein Ausgangspunkt für das Album war, ich werde keine Erwartungshaltungen erfüllen. Ich werde es wieder neu erfinden, brechen und versuchen dahin zu gehen, wo noch keiner war. Ich glaube, es ist mir ganz gut gelungen.

 

Wolltest du deshalb auch diese Hommage an die Gay Culture Club Szene im New York der 80er?

Meat District New York, Underground Clubs, Mitte der 80er, DJs wie Ron Hardy oder Larry Levan, das „Warehouse“ in Chicago und der Club „Paradise Garage“ in New York. Da liefen die ersten House Produktionen, das war Musik von schwulen Produzenten, schwulen DJs für schwules Publikum, eine reine Black Community. Und all das entstand aus der Disco Ära in den 70ern.

 

Reine Black Community?

Reine Black Community. Eine schwarze schwule Community. Für viele konservative Amerikaner war das in Kombination mit der Art von Musik natürlich maximale Provokation. Es gab sogar diese Anti-Disco Plattenverbrennungen in einem großen Stadion in Chicago. Die ersten House Platten waren alle von schwarzen schwulen Produzenten. Das wollte ich einfach nochmal aufgreifen mit dem Album. Es ist eine Hommage an diese ganze Bewegung. Meine Kunst und mein Leben basiert auf dieser Art von Musik und dieser Kunst. Mein ganzes Schaffen basiert auf dieser Underground Gay Szene und Kultur. Da fand ich es einfach logisch, das 2017 nochmal zu betonen, auch visuell durch ein Video in Kooperation mit Tom of Finland [Tom of Finland ist ein 1991 verstorbener finnischer Künstler, berühmt für seine homoerotischen Zeichnungen]. Tom of Finland hat ja nichts direkt mit der House Musik Kultur zu tun, aber ich hab es jetzt einfach für mein Video [zu „I Want U“] benutzt und bin dafür nach L.A. geflogen und hab mir die Rechte für alle Zeichnungen von Tom of Finland gekauft. Und in Berlin hab ich das dann mit einem Videoanimateur bearbeitet und zum Leben erweckt. Das hat sehr gut funktioniert, wir haben schon ungefähr 750.000 Klicks bei YouTube.

 

War es dir von Anfang an klar, dass das neue Album eine Hommage an diese Ära werden sollte?

Es war ziemlich klar, dass ich in der Richtung etwas machen werde. Es gab auch noch ein anderes Konzept zu einem meiner Lieblingsfilme, „Cruising“ mit Al Pacino. „Cruising“  spielt in der Underground Schwulenszene Ende der 70er in New York, wo noch keine House Musik in den Clubs gespielt wurde. Da lief eher so, ich nennt das jetzt mal Leather Disco und Musculin Rock. Keine gewöhnliche Rockmusik, „Mink DeVille“ mit Willy DeVille hießen die Protagonisten. Das war damals so sehr toughe Rockmusik, und dazu haben die Schwulen getanzt in illegalen Clubs und hier wurde der Hanky Code noch benutzt. Das sind bunte Tücher, die man sich entweder links oder rechts hinten in die Jeans reinsteckt und das dann je nach seinen Vorlieben oder Fetischen zeigt, was man gerne machen oder anbieten würde, passiv oder aktiv.

 

Daraus entstand dann die Single „Anything Anytime“.

Der Hanky Code diente hier als Grundlage für den Song „Anything Anytime“, der im Grunde genommen wie ein Liebeslied funktioniert, „anything anytime, don’t talk...“. Das wird die dritte Singleauskopplung und dazu gibt es auch ein Video. Ich denke auch als Hetero-Mann kann ich mich mit solchen Themen beschäftigen, die Tom of Finland Foundation fand das auch super. Durk Dehner [President und Cofounder der ToF Foundation] meinte dazu, eben genau weil ich nicht schwul bin, ist es viel interessanter, dass ich mit ihnen zusammenarbeiten will, und so die Kunst von Tom of Finland weiter kommuniziere, auch für eine junge neue Generation. Und ehrlich gesagt, viele junge Schwule kennen Tom of Finland oder den Hanky Code nicht.

 

Wolltest du ihn so auch wieder in Erinnerung rufen?

Ja auch. Ich war schon immer von seinen Zeichnungen fasziniert und ich seh das eher in so eine Art Pop-Art Richtung. Fast schon Andy Warhol artig. Ich fand die Zeichnungen immer schon grandios. Und Tom of Finland hat ja seine ersten Zeichnungen nicht an schwule Magazine verkauft, sondern an Body Builder Magazine.

 

Was hat dich zu deiner neuen Single „Car, Car, Car“ inspiriert, die heute vorgestellt wird?

Es war zuerst Musik im Studio, die sehr Kraftwerk ähnlich war, Kosmische Musik, 70er Jahre, Early Electronics. Da gab es noch keinen Text. Und während der Produktion dachte ich mir, was hat Kraftwerk noch nicht belegt mit Themen. Es gibt Radioaktivität, Transeuropa Express, Models, Computerwelt. Und wenn du mal alles durchhörst und recherchierst bleibt nichts übrig außer vielleicht Autos. Dann hab ich angefangen zu texten, „a car is not just a car, it drives you near or far“.

 

Du hast dafür auch mal die Cut-up Technik erwähnt.

Ja durch die sogenannte Cut-up Technik hab ich gelernt Texte zu schreiben, was auch wirklich für jeden möglich ist. Man hat ein paar Ideen, die schreibt man auf und dann schneidest du aus einer Zeitung irgendetwas aus, was interessant klingt und legst das hin und verschiebst es, und nach einer halben Stunde hast du plötzlich schon einen Drei-/Vierzeiler und so weiter, bis zum fertigen Text.

 

Was ist bei diesem Album noch anders als bei denen davor? Du hast Lovesongs erwähnt. Also nicht nur zum Tanzen?

Es ist von mir aus DJ-unfreundlich. Die meisten Tracks sind nicht sofort mixbar in einem DJ Set. Es sind drei, vier Liebeslieder drauf. Auch eine Coverversion von Robert Görls „Mit Dir“ aus dem Jahr 1983. Aber dafür wird es diverse Remixe geben von Marcel Dettmann bis Solomun und Roman Flügel. Ich hab eine Liste mit 50 Namen von DJs und Produzenten, die ich sehr schätze und deren Sachen ich selber gerne spiele, die sind jetzt alle am Remixen. Es wird mindestens fünf Singleauskopplungen geben mit mindestens 30 Remixen. Und die Remixe sind alle clubtauglich und DJ-freundlich.

 

Ihr habt ja auf deinem Label International Deejay Gigolos auch viele Künstler, die Remixe gemacht haben, wie The Hacker von „I Want U“.

Ja es gibt auch noch neue Remixe zu „I Want U“ von Terence Fixmer und Marcel Dettmann.

 

Ach cool, die hab ich noch gar nicht gehört.

Ja die sind neu, die gibt es noch gar nicht. Marcel hat mir jetzt seine ersten Ideen gemailt, das war sehr interessant, weil man das gar nicht von ihm erwartet hätte. Und das wird so weitergehen die nächsten Jahre, dass ich meine Songs von anderen Künstlern interpretieren lasse. Im DJ-Geschäft geht es ja um Interpretationen. Ich mix was von dem oder editier was von dem für meine Auftritte. Und ich lasse nicht irgendwelche Leute an meine Kunst, die ich selber nicht schätze, nur um kommerziell erfolgreich zu sein. Das sind ja viele Künstler wie Betonkunst oder Metroplex, die funktionieren in so einer eigenen Szene und ich find deren Sachen total frisch und modern. Das ist dann nochmal ein ganz anderer Blickwinkel auf meine Musik.

 

Dabei wollen viele Produzenten heute als DJ nur noch ihre eigene Musik auflegen.

Das ist ein Phänomen ja. Ich kenn viele geschätzte Kollegen die denken, sie sind so berühmt, dass die Leute nur noch ihre Songs hören wollen. Was zu einem gewissen Prozentsatz natürlich auch stimmt. Ich vertrete da genau das Gegenteil, ich spiel meine Songs auch nicht wenn ich auflege.

 

Gar nicht?

Kaum. Ich hab sie meistens auch gar nicht dabei, so komme ich nicht in Versuchung.

 

Echt? Das ist aber auch schade. Die Leute wollen doch auch was von dir hören.

Ja aber wenn ich als DJ performe bin ich als DJ da und spiel alles mögliche. Natürlich auch mal eine Sache von mir. Aber mein Kriterium war immer, sobald es veröffentlicht ist, ist es für mich, nicht gestorben, aber dann spiel ich es als DJ nicht mehr. Vielleicht wird es zu „Zukunftsmusik“ jetzt eine Art Performance geben, an der ich noch arbeite. Kein Live Act oder deejayen, einfach eine andere Live-Form es zu präsentieren.

 

Mit Licht und...

Holografie zum Beispiel oder Videomapping, Laserkäfigen, Robotern, Abstract Dance Performern. Aus dem Ganzen versuch ich jetzt etwas für mich Mögliches, was ich performen kann auf der Bühne mit meiner Musik auszuarbeiten.

 

Wo spielst du so in Berlin?

Ich spiel überall andauernd, Kater, Renate, Tresor, Watergate, Berghain, Panorama Bar, Sisyphos. Mir ist es wichtig den Bezug zur neuen jungen Generation nicht zu verlieren. Jetzt im Sommer, Ende Juli, gibt es die große 20 Jahre Gigolo Party im Tresor, den „New Wave Rave“. Da kommen alle Gigolo Künstler, die jemals auf Gigolo released haben und da wird dann Donnerstag bis Sonntag durchgefeiert.

 

Letzte Frage: „Zukunftsmusik“ hört sich so positiv an. Blickst du optimistisch in die Zukunft?

Ja klar! Du nicht?

 

Doch, ich bin grundoptimistisch. Sonst bringt das ja alles hier nichts...

Ja das wär ja...

 

Aber es gibt natürlich auch Gründe sich Sorgen zu machen...

Ja im Moment ist es natürlich schwierig da bei Laune zu bleiben, aber klar seh ich optimistisch in die Zukunft. Und jetzt hab ich mit „Zukunftsmusik“ auch schon den Soundtrack dazu geschrieben, zur möglichen schönen neuen Welt.